Gotteszell
di Helga Reidemeister (Documentario/D/2001/103min)
awards
Cinéma du réel 2001
"Niemand ist sicher vor einem Gedanken, der ihn durchzuckt.
Niemand kann sagen, das werde ich nie tun."
Marguerite Duras

Gotteszell, ein Frauengefangnis vince al 23esimo festival Cinéma
du réel
Ha vinto la Germania e hanno vinto le donne, figure protagoniste in
questa ventitreesima edizione di Cinéma du réel. Il primo
premio è stato assegnato a Gotteszell, ein frauengefangnis (Gotteszell,
una prigione di donne) dove Helga Reidemeister, cineasta nata a Halle,
studi all'accademia di Film e tv a Berlino, (comincia a lavorare alla
fine degli anni 70) prova a raccontare l'universo carcerario da punti
di vista opposti eppure così ravvicinati almeno nel quotidiano:
le detenute e il personale penitenziario.
(Il Manifesto/18.03.01/http://www.url.it/diarte/archivio/2001/settimana26.htm)
In interviste individuali, il film ritrae sei donne confinate in prigione.
Le detenute raccontano la loro vita prima della detenzione, la loro
posizione rispetto all'atto che hanno commesso, della vita quotidiana
in prigione e le risultanti difficoltà, come la separazione dai
loro figli. Il tratto comune nelle biografie sono le minacce e le percosse
che hanno subito...una inimmaginabile violenza sopportata per lunghi
anni. L'Istituzione Penale è rappresentata da quattro ufficiali
femminili. Esse parlano del confronto giornaliero con le detenute, della
loro istituzione e della questione del senso di colpa.
In individual interviews, the film sketches portraits of six women confined
in prison. The inmates report on their lives before their internment,
on their stance towards the act they committed, on everyday life in
jail and the resulting difficulties, such as being separated from their
children. The common thread in the biographies of the imprisoned women
are the threats and the injuries they have suffered...an unimaginable
violence endured over many years. The penal institution is represented
by four female official. They talk about their daily confrontation with
the inmates, about their institution, about the question of guilt.
(http://www.maremmadocfestival.org/generi/sch23.htm)
Der Film porträtiert skizzenhaft sechs inhaftierte Frauen.
Die Gefangenen erzählen von ihrem Leben vor der Haft, über
ihr Verhältnis zur Tat, den Alltag im Knast und die daraus entstehenden
Schwierigkeiten, wie das Getrenntsein von den Kindern. Durch die Biografien
der Strafgefangenen zieht sich ein roter Faden von erlittenen Drohungen
und Verletzungen, bis hin zu jahrelang ertragener, nicht mehr vorstellbarer
Gewalt. Die Institution Justizvollzugsanstalt wird von vier VollzugsbeamtInnen
vertreten. Sie sprechen über ihre Situation, in der sie mit den
Gefangenen täglich konfrontiert sind, über die Institution
Strafanstalt, die Schuldfrage. Aus einigen Äußerungen der
Bediensteten wird deutlich, dass sie nicht ohne Sympathie sind für
den Menschen, die Täterin, die Tat hingegen ablehnen. Drei der
Inhaftierten schildern den plötzlichen Gewaltakt, der ihrem bisherigen
Leben «in Freiheit» ein Ende setzt. Je mehr das Publikum
aber über die Hintergründe, die zur Tat geführt haben
– wie jahrelanger sexueller Mißbrauch – erfährt,
desto größer wird der Zweifel an der Gesetzgebung und an
der massgeblich von Männern dominierten Rechtssprechung.
(http://www.basisfilm.de/)

Gefängnis und Begegnung
In Gotteszell, benannt nach dem Frauengefängnis in Baden Württemberg,
porträtiert Helga Reidemeister einfühlsam vier der inhaftierten
Frauen. Schon mit dem Vorspannzitat aus Margerita Duras Die englische
Geliebte - "niemand kann sagen, das werde ich nie tun" - macht
die Regisseurin ihre Blickrichtung klar. Es ist ihr gelungen, das Vertrauen
der Frauen zu gewinnen, und sie wird diesem durchaus gerecht. Ich habe
selten soviel Reflektiertheit der eigenen Person und der eigenen Vergangenheit
gesehen, wie bei diesen Frauen. Reidemeister geht es nie um die Tat,
den spektakulären Fall, sondern um die jeweilige Frau, die mit
ihrer Tat leben muss. Auch wenn Reidemeister den Frauenknast tendenziell
als einen Ort der Läuterung deutet, beschönigt sie nichts.
Sie macht das Fehlen von Aggressionstherapieplätzen für Frauen
ebenso deutlich, wie sie die Vorgeschichte, die die Frauen zu Täterinnen
hat werden lassen, thematisiert. Dass die meisten der Frauen Opfer von
sexuellem Missbrauch waren, ehe sie an diesen Tätern ihre Taten
begingen, und dass die meisten dieser Täter ungeschoren davon kamen,
macht das Ungenügen unserer Rechtssprechung deutlich. Gotteszell
lebt nicht zuletzt auch von den schönen und intensiven Bildern,
die der Kamerafrau Sophie Maintigneux zu verdanken sind.
(http://www.querelles-net.de/forum/forum3-2.html)
Mutig: Helga Reidemeisters Dokumentarfilm
Wie bei einem Gehöft liegen die einzelnen Gebäude um einen
Hof gruppiert, über den eine Gruppe von Frauen kichernd und albernd
hinwegzieht. In der Ferne Hundegebell und Eisenbahnrattern. Ein fast
beschaulicher Ort. Was stört diese Idylle? Die Mauern drumherum
am wenigsten - in "Gotteszell", dem einzigen reinen Frauengefängnis
Baden-Württembergs. Verstörend sind die Geschichten der Frauen,
die es hierher verschlug. Die deutsche Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister
("Von wegen Schicksal", "Mit starrem Blick aufs Geld")
gilt als unerschrockene Filmemacherin. Trotzdem hatte sie erstmal Angst,
als das Justizministerium ihr anbot, in "Gotteszell" zu drehen.
Angst vor der eigenen Courage, auch vor der Konfrontation mit Frauen,
die ihr Bild von der mütterlichen Frau als besserem Menschen zu
stören drohten. Eine Angst, die es zu überwinden galt.
Sieben Monate, mit Pausen, hat Helga Reidemeister mit ihrem Team (Kamera:
Sophie Maintigneux) in Gotteszell gedreht. Sechs der Insassinnen hat
sie für nähere Porträts ausgewählt: Mörderinnen,
Totschlägerinnen, Dealerinnen. Die Lebenserfahrungen dieser Frauen
sind von Gewalt bestimmt. Gewalt, die ihnen erst einmal angetan wurde,
von der Familie, von der Justiz. Marion etwa, seit dem sechsten Lebensjahr
vom Vater missbraucht, schlug eines Tages einen Mann zusammen, der sie
auf dem Heimweg belästigte. Der Mann war tot. Marion bekam neun
Jahre, weil sie vorbestraft war. Oder die Malergesellin Nicole, die
eines Tages das Elternhaus anzündete, in dem man sie jahrelang
gequält hatte. Viereinhalb Jahre für versuchten Mord.
Doch der Film versteht sich nicht als eine Sammlung von Opfergeschichten,
auch wenn die Zahlen für sich sprechen (jeder zweiten Frau, die
einsitzt, wurde vorher Gewalt angetan; drei von vier missbrauchten Frauen
greifen irgendwann selbst zur Gewalt). "Gotteszell" geht viel
weiter als solche Statistiken. Aufregend die Klarheit, mit der die Frauen
ihre Situation reflektieren und bereit sind, die Verantwortung für
ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Und die wohl ernüchterndste
Erkenntnis: Das Gefängnis ist für viele Frauen der erste Ort,
wo sie die Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit finden, um zu sich selbst zu
kommen. Faszinierend auch, dass es im Innenraum Gefängnis - trotz
aller materiellen Differenzen - fast ein intimes Einverständnis
zwischen Insassinnen und Aufseherinnen zu geben scheint. An eine real
existierende gesellschaftliche Gerechtigkeit scheint hier niemand mehr
zu glauben. Indirekt kommentiert dieser Film auch die Frauenbilder,
die sonst den Medienalltag bestimmen. Können wir uns in Petra,
Babs, Nicole und Marion nicht viel eher wiederfinden als in vielen Bildern,
die täglich von der Leinwand grüßen?
(SH/http://www2.tagesspiegel.de/archiv/2001/06/06/ak-ku-ki-5511761.html)
Ein Frauengefängnis
Gotteszell. Der Name speichert die Zeit, als Klosterfrauen ihrem einzigen
Herrn dienten. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Gebäudekomplex
als Gefängnis benutzt, seine Kargheit und Bauweise begünstigten
die Mutation zum Ort der weltlichen Sühne. Um die Jahrhundertwende
ist der für die damalige Zeit typische Klinkerknastbau dazu gebaut
worden. Ab dieser Zeit wird Gotteszell ein Gefängnis für Frauen.
Die letzte Erweiterung stammt aus den siebziger Jahren: ein moderner
dreigeschossiger Flachbau mit viel Glas. Am Rand der Kleinstadt Schwäbisch-Gmünd,
zwischen Heilbronn, Ulm und Stuttgart, liegt die ehemalige Zelle Gottes,
gegenwärtig das einzige Frauengefängnis in Baden-Württemberg.
Petra, 37 Jahre, wurde zu lebenslanger Haft wegen Mordes an ihrem Ehemann
verurteilt. An der Gerechtigkeit der über sie verhängten lebenslänglichen
Strafe zweifelt sie nur insofern, dass man nach jahrelanger Arbeit an
sich selbst nicht mehr weiterkomme, und dass die Strafen für Mord
sehr unterschiedlich hoch ausfielen. Die Schuld selbst lasse sich niemals
sühnen und am meisten gestraft seien die Kinder.
Marion wurde wegen Totschlag verurteilt. Ein Mann hat sie in einer Wirtschaft
angemacht. Die mehrfachen Aufforderungen, seine Annäherungsversuche
zu unterlassen, bringen nichts. Er stellt ihr nach und sie schlägt
zu. Seinen Tod wollte sie nicht. Eine Frau sollte sich wehren, im geltenden
Recht aber sind eine Frau und ein Kind nichts wert, so Marion. Eine
Frau muss sich selbst im Vorfeld schützen, antwortet Frau Esslinger
und: eine Frau dürfe einen Mann nicht reizen, sonst fühle
er sich gekränkt in seiner Ehre. Ein Abteilungsleiter, der Marion
gegenüber nachweislich gewalttätig war, wurde vom Gericht
freigesprochen. Hat den Richter geschmiert, so Marion.
Auf die Frage des Richters, wann die sexuellen Übergriffe durch
ihren Vater und ihren Bruder stattgefunden hätten, kann Nicole
nach Meinung des Richters nur ungenau Auskunft geben: im Frühjahr,
Sommer, Winter, Herbst, morgens, abends. Ihre Anklage wird abgelehnt.
Glaubwürdig sei man vielleicht, wenn man sich umbringe oder in
die psychiatrische Klinik eingeliefert werde. Jahre später zündet
sie nach einem langen inneren Kampf ihr Elternhaus an. Sie will einen
Schlusspunkt setzen - und niemanden direkt verletzen. Vor Gericht wird
ihren Aussagen, wie sie erzählt, jetzt zwar mehr Gewicht verliehen,
da sie, ohne vorbestraft zu sein, plötzlich einen Gewaltakt begangen
hat. Trotzdem wird sie wegen vorsätzlicher Brandstiftung und versuchtem
Mord verurteilt.
Durch die Schilderungen der Verurteilten erscheinen juristische Sachverhalte
und gesellschaftliche Verhältnisse mindestens doppelbödig
und die Anstaltspsychologin formuliert provokativ: Manchmal bezweifle
ich, dass die Guten draußen und die Bösen drinnen sind. Weit
entfernt leuchten Begriffe wie heile Familie, Schutz der Menschenwürde,
Gesetz. Wenn sie eingelöst werden, würden ganz andere Prozesse
laufen, wären viele Väter und Mütter im Gefängnis,
so Nicole. Bleibt also die Frage, was bei solchen Lebensgeschichten
Resozialisierung bedeutet und was die Institution Justizvollzugsanstalt
dafür tun kann - zurück in die Zukunft?
(http://www.basisfilm.de/)
Gespräch mit
Helga Reidemeister
Wie wurde Ihr Interesse am Themenkomplex Frauengefängnis, Täterinnen,
Gewalt gegen Frauen geweckt?
Ich selbst habe den Impuls, schnell zu verurteilen. Das hat mit einem
tief verwurzelten Pazifismus zu tun: was ich an Kriegszeit in meiner
Kindheit erlebt habe, war so schrecklich, dass Menschen töten können,
und das Töten habe ich immer den Männern zugerechnet. Ich
hatte also ein schematisches Bild im Kopf: Frauen gebären, schenken
Leben, und Männer töten. Und wenn Frauen töten würden,
müssten sie schon sehr abnorm sein - ich konnte mir nicht vorstellen,
dass bei mir später ein Verstehen wachsen würde. Als das Justizministerium
mir nun anbot, in einem Frauengefängnis zu drehen, habe ich lange
gezögert, weil ich Angst hatte, dass die Arbeit zu schwer, zu belastend
würde. Gleichzeitig wollte ich mich der Herausforderung stellen,
mich mit der Schuldfrage auseinanderzusetzen. Schliesslich sagte ich
zu und habe mir eine Einschränkung zugesprochen, mich nicht mit
den schweren Gewalttäterinnen auseinandersetzen zu müssen.
Im Vorfeld konnte ich mir aber überhaupt nicht vorstellen, dass
jede zweite Frau, die im Gefängnis sitzt, draußen missbraucht,
vergewaltigt, geschlagen worden ist: 73% der missbrauchten Frauen werden
früher oder später gewalttätig. Diese fürchterlichen
kausalen Zusammenhänge habe ich nicht vermutet.
Nach welchen Kriterien haben Sie die porträtierten Strafgefangenen
ausgewählt? Nach welchen die Vollzugsbeamtinnen?
Die ganze Dimension «auswählen» war gar nicht möglich.
Wir haben einfach vertrauenerweckende Zeichen signalisiert. Dass wir
da sind und keine monströsen, ausgefallenen Fälle suchen,
sondern Zeit haben, Aufmerksamkeit und Interesse für dieses “Ins
Schleudern Kommen”. Marion haben wir im Hofgang kennengelernt.
Sie hat uns angesprochen, weil sie gehört hatte, dass wir aus Berlin
kommen. Wir kamen schnell ins Gespräch, sie war sehr herzlich,
hat uns zum Kaffee eingeladen. Die Tagebuchaufzeichnungen und Gedichte,
die sie im Film vorliest, kamen völlig spontan von ihr selbst.
Dass sie jemanden umgebracht hatte, erfuhren wir erst später. Über
einen Tipp von außen wurden wir auf Nicole aufmerksam und zwar
über eine Mitarbeiterin einer Frauengruppe, die den Prozess gegen
Nicole mitverfolgt hatte und über das Urteil unglaublich bestürzt
war. Nicole machte uns dann mit Petra bekannt, die mit ihr im Malereibetrieb
arbeitete. Die Vollzugsbeamtinnen haben uns die Zusammenarbeit selbst
angeboten. Ihre Mitarbeit war mir wichtig. Ich wollte die Strafgefangenen
nicht von den Vollzugsbeamtinnen trennen, sondern aufmerksam sein auf
das gegenseitige Aufeinanderzugehen, auf Verständigungsversuche.
Ich wollte nicht das sowieso bestehende Vorurteil bedienen - hier die
Gefangenen, dort die Wächterinnen.
Gab es von der Gefängnisleitung Auflagen, die Sie einhalten mussten?
Wir hatten zufällig einen Suizidversuch gedreht, den wir nicht
reinnehmen durften. Das war einsichtig, weil das auf jeden Fall von
der Presse ausgeschlachtet worden wäre.
Und wir hatten einige Frauen beim Verrichten von mühsamen Arbeiten
für die Privatindustrie gefilmt. Man konnte die Auftraggeber eindeutig
erkennen. Ein Jurist hat mich dann darüber aufgeklärt, dass
die Firmen ihre Aufträge zurückziehen würden, wenn diese
Szenen öffentlich würden. Ich habe mich dann für die
Selbstzensur entschieden, weil die Arbeitssituation im Knast ohnehin
katastrophal ist: von 300 Frauen haben nur 200 Arbeit, d.h. ein Drittel
sitzt tagsüber in der Zelle.
Erhoffen Sie sich mit dem Film konkrete gesellschaftspolitische Veränderungen
- Veränderungen beispielsweise in der Gesetzgebung und Rechtssprechung
gegenüber Frauen oder den Haftbedingungen von strafgefangenen Frauen?
Natürlich hoffe ich, dass der Film Impulse gibt. Die Rechtssprechung
bezogen auf Missbrauch ist ja eine ziemliche Katastrophe. Da ist beispielsweise
ein völliger Mangel an Erkenntnissen, in welchem Ausmass sexueller
Missbrauch Normalität ist. Und im Fall einer Klage ist die verlangte
Beweisführung schlimm. Es müsste dringend eine gesetzlich
festgelegte Opferentschädigung für missbrauchte Frauen geben
und zwar nicht nur materiell, sondern auch psychisch.
(Das ganze Interview finden sie bei http://www.basisfilm.de/)