back Kultur: Diesseits von Eden
  inizio Kino:
Das Cineforum ist auf der Suche nach einer sicheren Bleibe.
Und schielt dabei auf einen Traditionsbetrieb: das Eden-Kino.
 

Ferruccio Cumer ist auf Herbergsuche. Es ist für ihn beinahe zum Dauerzustand geworden, an fremde Türen zu klopfen und um Obdach zu bitten. Er empfindet es auch nicht als anrüchig. Nur: Er ist in die Jahre gekommen und sucht eine feste Bleibe für sein Kind Cineforum - den italienischsprachigen Filmclub der Bozner. Derzeit hat der Verein einen Unterschlupf in der Dantestraße gefunden. Dort verwaltet sich das Cineform, es soll ein Treff für Mitglieder und Cineasten sein. Dort kann man sich Bücher und Videokassetten ausleihen oder anschauen. Und im besten Fall reden. Über Kino reden. Das würde sich ein Ferruccio Cumer wünschen. Denn in den Siebzigern ist den Kinobegeisterten die Diskussion über den Film abhanden gekommen. Damals wurde nach der Vorführung noch über Filme debattiert. Dann wurden die Filmabende zunehmend zu einer Dienstleistung für kulturell interessierte Kinogänger - die Diskussionslust verschwand. Deshalb wünscht sich Cumer als Vermächtnis eine Spielstätte, die mehr Dienstleistung bieten kann als die momentanen Standorte. Für die Veaanstaltungsreihe KinoKi ist es die Aula Magna der Galileo-Galilei-Schule in der Cadornastraße, für die Videoprojektionen der I.A.C.C.-Saal in der Roenstraße. Beide bieten weder die technischen noch die organisatorischen Voraussetzungen, um einen ständigen Kinobetrieb zu gewährleisten, wie es sich das Cineforum wünscht.

Perspektiven. Cumer wüsste wohl, wo er gerne unterkommen möchte. Das Objekt seiner Begierde heißt Eden-Kino. Der Zeitpunkt, um ins Geschäft zu kommen, scheint günstig. Mit dem Baubeginn für ein modernes Mehrsaalkino, das Multiplex, in der Schlachthofstraße Anfang März sieht der Kinobetreiber Dalmaso schwarz für seine unternehmerische Zukunft. Er wäre sich mit Cumer eigentlich handelseins. Die beiden stellen sich vor, dass das Cineforum in das Kino in der Leonardo-da-Vinci-Straße einzieht, Dalmaso für den technischen und organisatorischen Ablauf sorgt und das Cineforum hauptsächlich für die Inhalte. Das Cineforum hätte eine ständige Spielstätte mit einem ständigen Spielplan, der Stadt bliebe das Traditionskino erhalten und ein Arbeitsplatz wäre geschaffen. So sieht das Ferruccio Cumer: "Das wäre die eleganteste Lösung." Wenn nur die Spenderhand, die öffentliche, mitspielen würde. Das tut sie im Moment nur in begrenztem Ausmaß. Antonio Lampis, Abteilungsdirektor im Amt für italienische Kultur, begründet das einerseits mit der Begrenztheit der Mittel für Kultur. Andrerseits verweist er auf eine generelle Skepsis. "In Infrastrukuren zu investieren, bedeutet ein Risiko - die Mittel sind langfristig gebunden." Sein Amt zieht es vor, Mieten und Spesen zu bezahlen, zumal bei einem Liebhaberverein, dem schließlich ja die Luft ausgehen könnte. Ein Verdacht, den Cumer nicht auf sich sitzen lassen kann - er macht den Job schon jahrzehntelang: "Ich will ja nicht polemisch sein, aber dass es in zwanzig Jahren nicht möglich war, einen geeigneten Saal zu finden, ist schon arg." Lampis schwebt eine andere Lösung als das Eden vor. Er hat diese Cumer in einem Gespräch mitgeteilt. Seine Idee ist es, dass das Cineforum den Trentiner Kinounternehmern Lazzeri vorschlägt, dem Verein einen Saal in ihrem zukünftigen Multiplex-Kino einzuräumen. Diese Miete würde das Kulturamt übernehmen. Das wäre Cumers zweitliebste Unterkunft. Aber der Multi-Cineast Massimo Lazzeri, der Juniorchef, winkt ab, bevor sich das Cineforum überhaupt bei ihm gemeldet hat. " Nein, ein Filmclub in einem Multiplex, das funktioniert eher nicht", sagt er, "es ist erfahrungsgemäß so, dass sich die Cineasten in einem kommerziellen Multiplex nicht wohl fühlen". Er verstehe aus seiner Trentiner Sicht überhaupt nicht, warum sich der deutsche und der italienische Filmclub nicht verbündeten und das Capitol gemeinsam führen - das kommerzielle Geschäft würde ohnehin sein Kino und ein eventuelles zweites Multiplex der Gebrüder Podini erledigen. Das wäre dann die drittliebste Variante für Cumer und die unliebste für den Filmclub im Capitol. Sie kommt wohl überhaupt nicht infrage. Die Verhandlungen zwischen Cineforum und Filmclub sind schon einmal gescheitert, nicht nur an zu verschiedenen Vorstellungen, sondern auch durch persönliche Unverträglichkeiten. Aus dem Filmclub kommt nur heftiges Kopfschütteln bei der Andeutung dieser Möglichkeit. Entsprechend ernüchtert ist der Vorsitzende des Cineforums aus dem Gespräch mit Antonio Lampis zurückgekehrt. Den Traum vom Kino Eden hat er dennoch nicht ausgeträumt. Er glaubt fest daran, dass es eine Möglichkeit geben muss, dieses Kino zu retten und es mit neuem Filmleben zu füllen. Sein Appell: Auch die Stadt Bozen müsse sich bewusst werden, dass das "Eden" ein veritables kuturelles Erbe ist. Weil es das älteste Kino Bozens ist. Weil die anderen historischen Kinobetriebe beinahe alle verschwunden sind. Und weil der Stadt droht, dass sie ihr Gesicht vor lauter Handelsketten und Fastfoodlokalen verliert. Das Eden wurde als "Theater-Kinematograph" am 22.September 1907 im alten Rathaus unter den Bozner Lauben 30 eröffnet. 1909 benannte sich das Lichtspielhaus dann um: ab nun hieß es Eden-Theater. Das Eden: ein Hort der Ablenkung auch in der Apokalypse, liest man die Bozner Nachrichten vom 13. März 1910: "Das sehr geehrte Publikum soll sich doch ehestmöglich zum Kinematographen begeben, bevor die Welt unterginge." Für den 18. Mai war nämlich die Ankunft des Halley´schen Kometen angesagt und ein guter Teil der Menschheit dachte an Weltuntergang. Die Führung des Eden-Theaters - so der Artikel weiter - bemühe sich aber, vor der Katastrophe die besten Filme der Welt zu zeigen. Einmal einen guten Film sehen und dann sterben.

Rückblick. Ende Juli 1913 gab die Direktion die Schließung des Kinos im alten Rathaus bekannt. Dass Eden-Theater zog um an seine endgültige Adresse. Im September des gleichen Jahres eröffnete es in der Defreggerstraße Nummer 8, heute Leonardo-da-Vinci- Straße. Das Eden: ein Hort der angewandten Zweisprachigkeit selbst im finsteren Faschismus. Für die deutschen Kinobesucher wurden die italienischen Inserttexte und Zwischentitel in deutscher Übersetzung mit einer Laterna magica auf eine Extra-Bildfläche neben der Kinoleinwand projiziert. In die mit einer Farbschicht bedeckten Glasplatten wurden die Texte auch nach den Sprachverboten von 1927 zu jedem Film mit der Hand eingekratzt. Cumer und sein Cineforum wird an den Türen von Land und Gemeinde weiter kräftig kratzen. Denn er will hinein: in den Garten Eden der Kinofreaks.

Philip Kucera
(FF - 07/02/02)